PETER LAUDENBACH / die tageszeitung, 20.12.2005
Tanz den Chucky-Hitler
Alles bis zur Kenntlichkeit entstellt: Ausgerechnet als Puppen stehen in der
Revue "Helden des 20. Jahrhunderts" an der Volksbühne die VIPs
der letzten hundert Jahre gespenstisch gut wieder aufHitler ist süß.
Hitler ist etwa einen Meter groß - und er versucht zu tanzen. Das Problem
mit Hitler ist, dass er nicht tanzen kann. Okay, das ist nicht das einzige
Problem. Hitler versucht auch zu singen, und zwar wie Herbert Grönemeyer.
Man schaut dem kleinen Hitler voller Mitgefühl und Schaudern zu, unbarmherzig
knödelt er sich durch Grönemeyers Repertoire.
Vielleicht hatte Adorno doch Recht: Nach dem Faschismus Gedichte zu schreiben
ist barbarisch. Vor allem, wenn die Gedichte wie Grönemeyers Lieder davon
künden, dass Männer "viel Zärtlichkeit" brauchen.
Das muss er sein, der berühmte Verfremdungseffekt, der alles "zur
Kenntlichkeit entstellt" (Brecht): den Führer, den Sänger und
den authentisch röchelnden Gefühlskitsch, den die Deutschen für
Pop halten. Die knödelnde Hitlerpuppe kehrt zusammen mit gut sechzig
anderen zu Puppenformat geschrumpften historischen Persönlichkeiten in
die Volksbühne zurück: Der Regisseur Tom Kühnel, ein mit Worten
und Ideologien jonglierender Jürgen Kuttner und die geniale Puppenspielerin
Suse Wächter lassen "Die Helden des Zwanzigsten Jahrhunderts"
in einer so komischen wie gespenstischen Revue an uns vorbeitänzeln.
Der Historiker Eric Hobsbawn brauchte knapp achthundert Seiten, um das vergangene
Jahrhundert als "Zeitalter der Extreme" zu beschreiben. An der Volksbühne
geht das schneller und lustiger: In drei Stunden begegnen wir Marilyn Monroe
und Stalin, Sigmund Freud und Helmuth Kohl, dem fünften Beatle und dem
Kosmonauten Gagarin. Ein buntes Tableau, das Geschichte in Pop verwandelt:
Mao, Goebbels, Malcolm X, Arafat und Kennedy - lauter Stabpuppen und Zitate
ihrer selbst.
"Ich bin berühmter als Jesus", räsoniert die Lennon-Puppe.
"Na und, ich auch", kontert Mickey Mouse. Lenin spielt Rockgitarre,
Adenauer rät während der Kuba-Krise dem amerikanischen Präsidenten,
die Russen vorsichtshalber "wegzuradieren", Hitler träumt schlecht
und fragt Sigmund Freud um Rat.
"Das 20. Jahrhundert ist ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Das kann man
jetzt einsortieren und ins Kästchen packen", sagt Jürgen Kuttner
auf die Frage, wie es zu diesem Abend kam. "Das Reizvolle an Puppen ist,
dass eine Geschichtserzählung wieder spielbar wird. Wenn Bruno Ganz als
Hitler auftritt, will er der beste Hitler-Darsteller aller Zeiten sein, und
hinterher entschuldigt er sich dafür, dass er einen so schrecklichen
Typen spielt. Eine Puppe hat solche Probleme nicht. Es ist eine Täuschung
zu glauben, dass Puppen süß, klein und putzig sind. Die können
eine bedrohliche oder ernsthafte Qualität kriegen."
Mit dem Ableben Queen Victorias, die als kleine schwarze Dame lustig durch
die Lüfte ins Jenseits der Monarchen schwebt, beginnt der Abend: Das
19. Jahrhundert gibt seinen letzten Stoßseufzer von sich - schon stürzen
Zar und Töchterchen in die Grube. Und weil Kuttner, Kühnel und Wächter
die Totalitarismustheorie von Hannah Arendt kennen, widmen sie auch dem berühmten
Nichtangriffspakt der Herren Hitler und Stalin eine böse kleine Szene:
Nach Vertragsunterzeichnung dürfen ein kleiner Hitler-Junge und eine
wackere sowjetische Komsomolzin gemeinsam ein Lied singen: "Ich möchte
Teil einer Jugendbewegung sein …" So lässig wurde die Tocotronic-Hymne
samt aufgekratztem Wir-Gefühl noch nie geschändet.
Unvermeidliche Besserwisser-Frage: Darf man das denn? Hitler und Stalin als
komische Puppen? Klar darf man das, wenn das so intelligent und bösartig
gemacht ist wie hier. Derzeit mit Abstand die charmanteste Party in der kriselnden
Volksbühne.